Das PETÖ - SYSTEM
Der lateinische Begriff "conducere" steht für zusammenführen - beim Petö-System handelt es sich nie um Einzeltherapien, sondern immer um eine Gruppen- oder Teilgruppentherapie. Gemeinsam mit den Eltern und dem Arzt erarbeitet der Konduktor für die Kinder Ziele, Teilziele und Inhalte. Zusammenführend dabei auch die Methoden: Musik, Gestalten, Tanz, Sprache, Literatur bis hin zum Theater. Das gestärkte Zusammengehörigkeitsgefühl in Verbindung mit aktiver Teilnahme und der positive pädagogische Bezug motivieren auch die Eltern.
Der Arzt und Pädagoge Andràs Petö baute seine Arbeit auf dem Prinzip der ganzheitlichen Betreuung des Kindes auf. Die Konduktoren nehmen sich intensiv der Kinder an, versuchen deren Kontaktfähigkeit zu steigern und vereinen dabei eine Vielfalt der Aufgaben von Physiotherapeuten, Logopäden, Motopäden, Sonderpädagogen, Erziehern, Pflegern und Lehrer in einer Person. Der Vorteil einer Bezugsperson ist gerade bei Säuglingen und Kleinkindern ein entscheidender Faktor: vielen Kindern fällt es schwer, sich immer wieder aufs neue an andere Kontaktpersonen zu gewöhnen. So trägt dieses Konzept nicht nur zur Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch zur Normalisierung des Familienklimas und der Mutter- Kind- Beziehung ganz entscheidend bei.
Bewegungsgestört ist nicht geistig gestört:
Die Verbindung von Sprache, Rhythmus und Bewegung, verstärkt durch gemeinschaftliches Imitationslernen, geht von einem anderen Ansatz als reflexbezogene Therapien aus. Dr Petö`s Leitgedanke war, dass es sich bei Cerebralschädigungen nicht um eine Krankheit, sondern eine Lernstörung handelt, die neben der Motorik die gesamte Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt. Nicht die Fehler sollten korrigiert werden, sondern das Fehlende erlernt werden. Ziel ist neben dem Erlernen motorischer Koordination die Integration ins gesellschaftliche, kollektive Leben, die Förderung der Kommunikationsfähigkeit und vor allem die maximale Unabhängigkeit von Hilfsmitteln und Personen.
Den Eltern von cerebral gelähmten Kindern fällt beim ersten Besuch im Petö-Institut meist sofort das Fehlen jeglicher Art gewohnter Fortbewegungshilfen auf. Wer zum ersten Mal die Kinder sieht, wie sie sich an den Händen der Eltern oder mit den typischen Dreipunktstützen oft mühsam fortbewegen, begreift, dass der Satz "Schritt für Schritt" hier eine andere, tiefere Bedeutung hat. Der Rollstuhl, sichtbares Zeichen des Handicaps und für viele die oft verordnete Endstation wird nur bei absoluter Notwendigkeit als Unterstützung gewährt, die Versorgung dabei soweit wie möglich vermieden. Zielorientierung vor Ursachenorientierung ist die Devise. Gesellschaftliche, soziale Integration beginnt hier mit der Selbständigkeit im Umgang mit den für Gesunde selbstverständlichen Dingen des Lebens: Anziehen, Essen, Mithilfe im Haushalt-Aktivitäten, die eben Mobilität erfordern.
Petö erklärte, dass zur Koordination, deren sichtbares Zeichen die Bewegung ist, ein indirekter Weg über die Wahrnehmung führt,d.h. das behinderte Kind kann trotz der strukturellen Schädigung durchaus in der Lage sein, unter der Obhut des Konduktors eine richtige Funktionsstrategie zu finden und zu erlernen.
Die Voruntersuchung als Voraussetzung:
Obwohl grundsätzlich jedem Betroffenen die Tür zum Institut offen steht, werden für die Aufnahme in eine der vielen Gruppen gewisse Voraussetzungen an körperliche, motorische, psychische und intellektuelle Fähigkeiten gestellt. Da nicht alle Kinder diese Anforderung erfüllen können, entscheidet eine Expertengruppe des Petö-Instituts im Rahmen einer Voruntersuchung über Eignung und Aufnahme in die Therapie.
Nachdem die Erfolgsquote bei Kindern über 10 Jahren erfahrungsgemäss leicht abfällt, liegt nach einer Früherkennung der Behinderung das optimale Aufnahmealter zwischen 0 und 5 Jahren.
Lernen in kleinen Schritten:
Zentrale Figur der Behandlung ist der Konduktor mit einer indirekten und direkten Vorbildfunktion. Er entscheidet über Planung und Durchführung der unterschiedlichen Übungen, wobei aber der Hilfestellung, Korrektur und Motivation übergeordnete Priorität zukommt. Betreuung, Erziehung und Unterricht erstrecken sich je nach Altersstufe halb oder ganztags, in Mutter-Kind oder sogenannten Kindergartengruppen, in denen die Kinder lernen müssen, ohne die gewohnte Nähe der Mutter auszukommen.
Einen festen Platz im Tagesablauf nehmen die theoretischen Teile des Programms ein: Spracherziehung, Mathematik, Schreiben und Zeichnen gehören ebenso dazu, wie die als sehr wichtig erachtete Musikerziehung. Bewegung kombiniert mit Musik hilft bei Lockerung des Muskeltonus und reguliert gleichzeitig den Rhythmus der dabei ausgeführten Tätigkeit und die Atmungskoordination.